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DIE VERLORENE KUNST, EIN GEHEIMNIS ZU BEWAHREN

Ein Musiktheatrales Symposium zum Reisen ohne Bewegung

Eine Koproduktion der Roten Fabrik Zürich mit dem Schlachthaus Bern und dem Theater Roxy

Premiere: 26.2.2009, Rote Fabrik.

Das Stück gastierte am Musikhaus Schwere Reiter München und wurde ans PAZZ Performance Festival 10 in Oldenburg eingeladen

Mit: Jonas Knecht, Markus Mathis, Lou Bihler, Anderson Fiorelli und Mathias Weibel

Konzept & Regie: Thom Luz

Musik: Mathias Weibel

Kostüm & Licht: Tina Bleuler

Fotografie: Reto Schmid

Ein Mann stirbt in einem Hotelzimmer. Er hinterlässt zahlreiche Papiere, einen Dudelsack und drei selbst verfasste Romane, davon zwei Meisterwerke. Wer war dieser geheimnisvolle Mann namens Raymond Roussel aus Paris, der das Zimmer am Ende des Gangs bewohnte? Drei Darsteller und zwei Musiker als Mitglieder des Kultzirkels "Reisen ohne Bewegung" kommen zusammen, um einen Beweis gegen die Notwendigkeit der äußeren Welt zu erbringen. Eine kammermusikalische Reise mit Kompositionen von Arthur Honegger, Giuseppe Verdi und Eric Satie, sowie Liedern von Maximilian Hecker, Scott Matthew, Markus Schönholzer und Sophie Hunger.

PRESS:

Thomas Bodmer im Tagesanzeiger:

Seltsame Reisende haben es dem Regisseur und Theatermusiker Thom Luz offensichtlich angetan: Letztes Jahr beglückte er uns mit «Patience Camp», das von Henry Shackletons missglückter Antarktis-Expedition handelte. Jetzt beschäftigt er sich mit dem Franzosen Raymond Roussel (1877-1933). Monsieur Roussel war nicht nur unermesslich reich, sondern auch sicher, ein Genie zu sein.

Als er sein erstes Werk «La doublure» verfasste, hatte er das Gefühl, die Vorhänge ziehen zu müssen: «Hätte ich diese Blätter offen liegen lassen, so hätten sie Lichtstrahlen ausgeschickt, die bis nach China gereicht hätten.» Es war dann aber nicht so, dass das Buch bei seinem Erscheinen «das Universum erleuchtete», wie der Autor sich das gedacht hatte. Am Ende seines Lebens verbarrikadierte er sich in einem Grand Hotel in Palermo, wo er dann an einer Überdosis seiner geliebten Drogen starb.

Hier setzt Luz ein: Beim Versuch, die genaue Position von Roussels Leiche zu rekonstruieren, kollern die Schauspieler Markus Mathis, Jonas Knecht und Lou Bihler immer mal wieder von einer Matratze. Derweilen stellt die Polizei dem Hotelpersonal so schöne Fragen wie: «Wem hat der Leichnam zu Lebzeiten gehört?»

Dank seinem Reichtum reiste Roussel nach China und Tahiti, doch nie hätte er über seine realen Reisen geschrieben. Sein Prinzip für Bücher wie «Impressions d’Afrique» lautete vielmehr: «Das Werk darf nichts Wirkliches enthalten.» Konsequent hat Luz deshalb Leute wie Sophie Hunger, Markus Schönholzer oder den Berliner Maximilian Hecker aufgefordert, Lieder zu schreiben über Länder, die sie nie bereist haben oder die es gar nicht gibt. Gesungen werden sie von den Herren Schauspielern, begleitet vom Cellisten Anderson Fiorelli und von Matthias Weibel an Geige und Celesta.

Doch warum besteht das Bühnenbild aus lauter Zierleisten und Täfelungen, die nur von Klebstreifen zusammengehalten werden? «Weil Roussel fand, die Realität sei an den Rändern schlecht verarbeitet, und er selbst könnte eine bessere schaffen», verrät Thom Luz.

Eva Elisabeth Fischer in der Süddeutschen Zeitung:

Tod im Hotel

Musiktheater-Geheimnisse: Ein Gastspiel im Schwere Reiter 

Manchmal kann es das Richtige sein, sich ins falsche Theater verirrt zu haben. Schon vor Beginn der Aufführung dringt mehrstimmiger Gesang durch die geschlossenen Türen im Schwere Reiter. Es wird noch geprobt. Und das ist in diesem Falle die bessere Animation zu bleiben, als hätte man nur den Titel dessen gelesen, was man dann eineinhalb Stunden lang zu gewärtigen hat: „Die verlorene Kunst, ein Geheimnis zu bewahren“, nennt Thom Luz, mit Anfang 20 ganz frisch und neu als Regisseur sein „musiktheatrales Symposium zum Reisen ohne Bewegung“. Der Mann ist wie seine drei Darsteller und die beiden Musiker, Schweizer, was nicht zwangsläufig heisst, dass hier gemarthalert würde. Mit komischen Schlenkern und schwebender Poesie kreist Luz ein Mysterium ein, das am Ende ungelöst bleibt. Zwei Matratzen liegen übereinander im leeren Raum, ein Klavier teilt das Eck ab, in dem Geige und Cello gespielt werden, wo drei dunkel gekleidete Männer, die gelegentlich um dem Schlafplatz tanzen, sich zum Liedgesang einfinden. In einer merkwürdig-komischen Pantomime manipulieren zwei einen leblos darnieder liegenden Dritten auf der Bettstatt. Es ist ein geheimnisvoller Toter, der offensichtlich in einem Hotelzimmer gefunden wurde. In einzelnen Szenen rekonstruieren die Männer immer und immer wieder dessen Dialog mit dem Mann an der Rezeption  bei der Anmeldung. Ob es sich tatsächlich um einen Reisejournalisten handelte, welches sein richtiger Name war, ob er tatsächlich einen Monat mit den Zimmerkosten im Rückstand, ja, und ob hier irgendwie eine Frau mit im Spiel war, wird man nie erfahren. Es ist das Irritierende an dieser Spurensuche, dass hier akribisch ein Puzzle zusammengesetzt wird, Stein für Stein, Information für Information, bei dem sich letzlich gar nichts zusammenfügt und sich letztlich gar nichts zusammenfügt und sich alles immer nur weiter verunklart. Man bleibt gebannt bei der Sache und schwingt gern im Ungefähren des bewahrten Geheimnisses mit.

 

 

 

Der Bund:

In seinem «musiktheatralen Symposium zum Reisen ohne Bewegung» unternimmt der Zürcher Theatermusiker und Regisseur Thom Luz im Schlachthaus Theater eine berückende Expedition in die Geisteswelt eines wahnwitzigen Autors.

 Wenn es so etwas wie Bewegungsdadaismus gäbe, dann würde das vermutlich so aussehen wie das, was die drei Männer auf der Bühne tun: Sie werfen sich auf eine Matratze und landen stets punktgenau ein Stück daneben, wo sie verharren. Erst später wird klar, dass sie den toten Körper von Raymond Roussel nachstellen, des unter dubiosen Umständen verstorbenen Schriftstellers, Musikers und passionierten Schachspielers. Raymond Roussel (1877–1933) ist das kuriose Genie, an dem sich die Fantasie des Zürcher Regisseurs und Theatermusikers Thom Luz entzündet. Luz richtet mit drei Schauspielern und zwei Musikern eine theatrale Spurensuche ein, um dem exzentrischen Geist Roussels auf die Spur zukommen. Der Franzose war «Besitzer eines Dudelsackes und Verfasser dreier Romane, davon mindestens zwei Meisterwerke», wie ein Akteur sagt. Mit seinen surrealen Reiseschilderungen «Impressions d’Afrique» und dem Roman «Locus solus» wurde Roussel zu einem Säulenheiligen der Surrealisten. «Wer? Wo? Was?», fragen die drei Schauspieler und tragen die Fakten um den Tod Roussels zusammen. Seine letzten Tage verbrachte er in einem Grandhotel in Palermo, liess sich das Essen aufs Zimmer bringen, später vors Zimmer stellen, verweigerte dem Personal den Zutritt und dem Hoteldirektor die Bezahlung. Schliesslich verbarrikadierte er sich, bis man die Tür gewaltsam öffnete und den Leichnam fand. Im chaotischen Zimmer stiess man ausserdem auf über 3000 Blätter mit Gekritzel, einen Koffer mit Frauenkleidern und unzählige Ausgaben von Roussels Büchern. 

Ein Mensch schwindet  

Die drei Schauspieler tauchen in den flammenden Kosmos Roussels ein und lesen aus «Impressions d’Afrique», dem Reisebericht, den Roussel schrieb, ohne je in Afrika gewesen zu sein. Auf der Matratze schwankend berichten sie von absonderlichen Schiffspassagieren, von denen ein Mann ohne Arme und Beine längst nicht der Ungewöhnlichste ist. Afrika, an dessen Küste der Erzähler als Schiffbrüchiger angespült wird, ist eine menschenleere Landschaft mit Eisenbahnschienen, einer Telefonzelle und Wolken, die sich zu Buchstaben formen. Immer fiebriger werden die Texte, und Thom Luz verknüpft die kuriose Romanwelt mit der Biografie Roussels, in dessen Haut Markus Mathis, Jonas Knecht und Lou Bihler abwechselnd schlüpfen. Es ist die Geschichte eines Rückzugs, eines allmählichen Verschwindens. Denn je lebendiger die imaginierten Bilder werden, desto unbeweglicher wird Roussel selbst, der am Ende in seiner Fantasiewelt aufzugehen scheint. Gleichzeitig rieseln unzählige Papierfitzelchen von der Decke und schneien den Mann ein – ein berührendes Bild. 

Prekäre Schönheit  

Die poetische Soirée, die Luz einrichtet, lebt vor allem auch von den wunderbaren Songs, Chansons und Liedern, die zum Teil eigens für das Stück geschrieben wurden und von den Schauspielern selbst vorgetragen werden. Das eindringlichste Lied ist jenes, das Lou Bihler mit dem Kopf in die Matratze gedrückt singt, mit halb erstickter Stimme: Auf diese Weise erscheint es von ganz besonders prekärer, kostbarer Schönheit. Natürlich betritt der 1982 geborene Luz mit seiner verschroben anmutigen Inszenierung, die mit ihren Liedern und kauzigen Choreografien an Christoph Marthalers Arbeiten erinnert, kein Neuland. Doch Luz beweist mit seiner Expedition in die abstruse Geisteswelt Roussels, dass «Reisen ohne Bewegung»,wie es im Untertitel des Stückes heisst, problemlos möglich ist – und dass Theater im besten Fall auch nichts anderes ist als ein berauschender, horizonterweiternder Trip.